Dr. Christina Rami-Mark, Geschäftsführerin MARK Holding, Spital am Pyhrn

Was haben Teile in einem Auto mit einem Abseilgerät für Höhenrettung oder der Schischuhschnalle zu tun? – Für uns sind das ganz klare Zusammenhänge, wir entwickeln ein Produkt und überlegen uns wo man es noch anders einsetzen kann, sagt Dr. Christina Rami-Mark, Geschäftsführerin MARK Holding, Spital am Pyhrn. Gefördert wird dieses Mindset durch eine eigene Akademie zur Wissensverteilung, Integration von Augmented Reality in die Lehre und Aufbau eines Technikums zur Prototypenherstellung und kundenunabhängiger Forschung quer durch den Betrieb.
Interview von Julia Weinzettl

 

Welche Ansätze verfolgen Sie zur Förderung des Innovationsklimas im Unternehmen?

Dr. Christina Rami-Mark: Für uns ist der Mut zu neuen Ideen und zum Querdenken ein wichtiger Faktor in unserer Unternehmenskultur. Dabei geht es nicht nur darum Neues zu entdecken, sondern auch Altbewährtes anders zu sehen, in andere Relationen zu stellen und auf diese Art komplett neue Produkte zu entwickeln.

Sie holen sich Inspiration nicht, wie viele Unternehmen aus anderen Industrien, sondern wenden bestehende Ideen auf neue Produkte an, sozusagen Cross Product Innovation statt Cross Industry Innovation?

Dr. Christina Rami-Mark: Unserer Kerntechnologie ist das Tiefziehen, das ist spanloses Zugdruckumformen eines Blechstreifens. Auf diese Art kann man hochpräzise Teile aus einem dünnen Metallstreifen herstellen. Diese Technologie ist in verschiedenen Bereichen einsetzbar. Wir fertigen zum Beispiel Teile für die Automobilindustrie an, die in Getrieben, Airbags, Einspritzsystemen, Autolampen oder im Motormanagement vorkommen. Mittlerweile haben wir fast 200 Teile in jedem europäischen Auto. Wir sind aber auch Erfinder der Schischuhschnalle und seit neuestem auch eines Rettungsgerätes. Man glaubt auf den ersten Blick, dass diese Dinge nichts miteinander zu tun haben. Für uns sind das aber ganz klare Zusammenhänge, wir entwickeln ein Produkt und überlegen uns wo man es noch anders einsetzen kann.

Welches Produkt ist hier ein Beispiel?

Dr. Christina Rami-Mark: Wir haben zum Beispiel in unserem Höhenabseilgerät die Fliehkraftbremse des Autos verwendet. Die gleiche Komponente wird mit einem anderen Ansatz in einem komplett anderen Feldern angewendet und löst so Probleme das wir sonst nicht lösen könnten. Unser Produkt ermöglicht es Personen, egal wie schwer sie sind und egal aus welcher Höhe, sich mit stets konstanter Geschwindigkeit abzuseilen. Das Prinzip ist das der Fliehkraftbremse in einem Auto, wenn ich in der Kurve bremse oder auf der Geraden brauche ich dabei zweierlei Kräfte.

MARK Save A Life

Das sind sehr unterschiedliche Produkte. Wie steuern Sie Technologietransfer von Abteilung zu Abteilung um zu solchen Ergebnissen zu gelangen?

Dr. Christina Rami-Mark: Wir fördern in unserem Unternehmen die Technologie und den Forschergeist sehr stark. Dazu betreiben wir eine MARKakademie. Dort stellen wir allen Mitarbeitern alle Prozesse und unser Wissen und Können zu Verfügung. Die Kurse werden von unseren Mitarbeitern selbst gehalten. So verteilen wir unser Know-how auf ganz viele Köpfe. Zusätzlich gibt es Meetings in denen Forschung, Sales, Geschäftsleitung sowie Konstruktion und Simulation zusammensitzen und neue Ideen entwickeln. Wir versuchen die Wissensträger in verschiedenen Bereichen an einen Tisch zu bekommen und überlegen uns die strategische Weiterentwicklung.
Wir haben einen hauseigenen Maschinenbau und konstruieren die Maschinen, die wir zur Produktion neuer Produkte benötigen, selbst. Wir bauen dabei nicht nur die Werkzeuge sondern die kompletten Maschinen wie beispielsweise Prüfautomaten, bei denen es um Hochtechnologieanwendungen geht.
Wir entwickeln auch die Software, die wir benötigen und sind so kaum von anderen Unternehmen abhängig. Die Ideen, die wir ausarbeiten, können wir selbst als Prototypen mit finiten Elementen oder anderen Simulationsverfahren simulieren. Wir konstruieren diese Teile dann mit unserem eigenen Werkzeugbau oder unserer maschinellen Fertigung. Weiters bilden wir unsere Mitarbeiter und Facharbeiter selber aus und beschäftigen jedes Jahr durchschnittlich 35 Lehrlinge.

In vielen Produktionsbetrieben herrscht Angst um den Verlust des Jobs aufgrund der Digitalisierung und dem vermehrten Einsatz von Robotern. Wie werden diese Themen bei Mark behandelt?

Dr. Christina Rami-Mark: Ich glaube, dass die Mitarbeiter in unserem Unternehmen keine Angst vor Robotik oder der Digitalisierung haben. Wir haben gerade unseren Standort in Spital am Pyhrn um 10.000 m2 erweitert und betreiben jetzt ein 20 Meter hohes, vollautomatisches Hochregallager. Wir haben Mitarbeiter, die 56 Jahre alt sind und jetzt den Computer bedienen, der vollautomatisch die Teile dort einlagert und wieder herausholt. Sie sind begeistert und sehen eigentlich nur den Nutzen der Digitalisierung, denn sie müssen die Paletten nicht mehr suchen sondern können sich weiterentwickeln und haben einen erleichterten Arbeitsablauf. Ich glaube, es geht darum die Technologie für sich selbst zu nutzen und nicht darum, dass die Technologie uns die Arbeitsplätze wegnimmt. Die Schritte, die man automatisieren kann, wie zum Beispiel mechanische Bearbeitungen in der Nachtschicht von Robotern durchzuführen, werden vermehrt auftreten. Da setzen wir auch ganz stark darauf, weil uns das die Möglichkeit bringt, über Kostenersparnis den Standort in Österreich weiter zu erhalten und das Abbauen der Technologien nach Indien und China zu verhindern.
Dadurch können wir auch direkt Arbeitsplätze schützen. Die ultrapräzisen Arbeitsschritte, die wir machen, können niemals von Robotern oder anderen Technologien abgelöst werden. Ich glaube geht es vielmehr um Synergien und Zusammenarbeit.
Zum Beispiel können wir, wenn wir ein neues Produkt entwickeln, durch digitale Simulationen die Leute an der Werkbank auf die kritischen Stellen vorbereiten, auf die sie sich dann konzentrieren.
Wir sind gerade dabei in unsere Lehre Augmented Reality aufzunehmen. So können die Lehrlinge schon vorher am Zusammenbau von virtuellen Teilen üben, bevor sie im Produktionsalltag anfangen. Wir bauen gerade ein Technikum auf damit unsere Forschungsabteilung mit den Arbeitern aus der Produktion und den Lehrlingen gemeinsam neue Dinge entwickeln können, wie beispielsweise Prototypenbau oder kundenunabhängige Forschung, damit wir auf diese Weise weiter innovativ in die Zukunft arbeiten können.

Welche Jobs werden Sie in Zukunft benötigen, die heute noch keinen Namen haben?

Dr. Christina Rami-Mark: In Zukunft werden Leute, die theoretisches und praktisches Wissen vereinen können, immer wichtiger. Wir haben um auch in Zukunft die besten Mitarbeiter zu bekommen, gemeinsam mit vier anderen Firmen, eine Schule in unserem regionalen Bereich gegründet, die KTLA. Die Schüler haben ein duales Lernsystem, sie sind 3 Tage bei uns im Betrieb und machen eine Lehre, die anderen zwei Tage machen sie eine HTL. So entwickeln wir die perfekten Facharbeiter. Sie wissen genau wie unser Werk läuft und wo die Probleme enthalten sind. Gleichzeitig verstehen sie die Technologie dahinter und können die Probleme lösen. An der Universität zu lernen ist eine Sache, das theoretische und praktische Wissen zu vereinen ist aber das was uns in Zukunft besonders macht.

www.mark.at
www.savealife.at
www.markhydraulik.at
www.ktla.at

About:
Dr. Christina Rami-Mark hat sich nach der Dissertation in Chemie von der Hirnforschung zurück in den Familienbetrieb begeben. Als Geschäftsführerin der MARK Gruppe und Projekt-Portfolio-Managerin hat sie die Chance ergriffen innovative Produkte (weiter-) zu entwickeln. Mittlerweile sorgen in jedem europäischen Auto etwa 200 Einzelteile von MARK dafür dass Sie sicher von A nach B kommen.