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Die 50er kommen!

FH Professor Dr. Dr. Sebastian Eschenbach,
Managementspezialist, Leiter Department Wirtschaft der FH Burgenland

Mit 50 Jahren die Karriere nochmal komplett umkrempeln wäre früher undenkbar gewesen. In einer Welt in der sich gerade alles ändert, überrascht das aber gar nicht so sehr. Verschiedene Faktoren spielen zusammen: eine längere Lebenserwartung, die Aussicht auf eine ausreichende Pension ist am Schwinden, generelle körperliche und geistige Fitness lassen heute 50 Jährige immer weniger an die Pension denken. Mit 50 Jahren stehen Wissensarbeiter mitten im Leben aber oft plötzlich vor der Tatsache, dass sie beruflich eigentlich alles erreicht haben – die Karriere ist am Stillstand, neue Perspektiven gibt es in dem angestammten Unternehmen nicht. Es folgt Langeweile und oft Frustration, denn vorbereiten auf die Pension ist noch lange nicht angesagt. Das ist genau der Zeitpunkt um sich etwas Neuem zu widmen. Die Erfahrung, die in vielen Jahren gesammelt wurde, zu bündeln, in etwas ganz Anderes fließen zu lassen und so Neues zu schaffen.

Diesem Bedürfnis und Wissensdrang leistet das Europa-Instituts für Erfahrung & Management METIS Folge. Die Grundlage für diese Initiative bildet ein im Vorjahr abgeschlossenes internationales Forschungsprojekt, in dem die FH Burgenland, die Rheinische FH Köln (D) und die FHS St. Gallen (CH) zusammen arbeiteten.

Start des ersten Programms ist die Kurzausbildung „Innovationswerkstatt: Lebenserfahrung 2017“ — Lernen durch konkrete Arbeit am gesellschaftlichen Innovationsprojekt.

Die beiden Gründer, Prof. für Innovation Regina Rowland und Wirtschaftsprofessor Sebastian Eschenbach an der FH Burgenland, haben sich einiges überlegt.

Was war die Initialidee für Euer Projekt?

Prof. Sebastian Eschenbach: Wenn man eine Fachhochschule, wie die FH Burgenland, mitführt und merkt, dass es aufgrund der Geburtenrückgänge viel weniger Studenten gibt, wird man eigentlich dazu gezwungen, sich etwas zu überlegen. Wo ist eine wachsende Zielgruppe? Es gibt kein Angebot für Personen ab 50 oder auch 60, die noch zwanzig aktive Jahre vor sich haben. Der Anteil der Personen, die sich betätigen wollen und auch betätigen müssen, steigt immer mehr. Und es hat einen Shift gegeben, die immer mehr verstärkt wird – die Personen, die bei der ZiB 2 einschlafen wollen, stehen denen gegenüber, die eigentlich die Gesellschaft schupfen und das auch wollen. Es gibt immer mehr Beispiele von Personen, die ihren wichtigsten Karriereschritt oder ihr wichtigstes Projekt gemacht haben, nachdem Gleichalte in Pension waren. Bekannte Beispiel sind Nelson Mandela, oder Helmut Schmidt, der nach dem Amt als Bundeskanzler der Herausgeber der ‘Zeit’ wurde oder Peter Drucker, Pionier des modernen Management.
Diese zweite Karriere gibt es für Personen, die besonders talentiert sind oder sie ergeben sich, wenn der Zufall eine Rolle spielt. Damit dies aber auch „Normalsterblichen“ gelingt, sind speziell dafür konzipierte Lernprozesse ein hilfreicher Rahmen. Denn es geht nicht um Weiterbildung im angestammten Fachbereich, sondern um das Neulernen eines Fachgebietes. Diesen Rahmen wollen wir liefern, die Inputs kommen möglicherweise nur zu einem kleinen Teil von uns in Form der Methodik, viele Inputs werden durch den Austausch  untereinander entstehen.

          FH Professorin Dr. Regina Rowland ist Spezialistin für Design Thinking, unterrichtet und
forscht an der FH Burgenland

Welche Methoden wendet Ihr hier an?

Prof. Regina Rowland: Wir verwenden Design thinking und Systems thinking Methoden und lehren Prozesse und Werkzeuge um Innovation hervorzurufen und anzuwenden — denn Innovation ist keine Sache des Zufalls und beruht nicht nur auf der Anwendung neuer Technologien.

Gibt es einen guten Bereich in dem man sich entfalten kann?

Prof. Sebastian Eschenbach: Der Entfaltungsbereich ist derzeit wahrscheinlich nicht der corporate Bereich, denn da ist man mit 60 entweder Aufsichtsrat oder man ist eigentlich am absteigenden Ast. Soziale Dienste hingegen im allerweitersten Sinn, sind ein Bereich, der flexibel ist und auch offener für Quereinsteiger. Daher haben wir uns dafür entschieden, unser Programm auf dieses Gebiet auszurichten. Die teilnehmenden Personen können sich in diesem Bereich ein neues Tätigkeitsfeld selbst gestalten.

Wie läuft die Innovationswerkstatt konkret ab?

Prof. Regina Rowland: Wir starten am 11. Mai. An vier Wochenenden werden die Teilnehmer in die Methodik eingeführt und arbeiten konkret an einem Projekt gemeinsam mit Vertretern der Gemeinde Mörbisch.

Was ist der Projektinhalt?

Prof. Regina Rowland: In Form eines gemeinsamen Workshops haben wir einige Anforderungen herausgearbeitet. Die Gemeinde Mörbisch hätte gerne, dass mehr Verbindung zwischen den Einwohnern des Ortes und der Seebühne Mörbisch entsteht. Einst brachte die Seebühne Tourismus und Umsätze, mittlerweile fahrt das Publikum aufgrund der verbesserten Infrastruktur am abend wieder nach Hause. Früher war die Seebühne eingebunden und ein Teil der Gemeinde, das hat sich geändert. Lösungsansätze für diesen Disconnect zu finden ist ein Teil der Projektaufgabe.

Die Teilnahme an der Innovationswerkstatt wird nach dem FairPay Prinzip verrechnet, was bedeutet das?

Prof. Regina Rowland: Wir haben unsere Kosten aufgelistet um transparent zu sein, aber die Teilnehmer bezahlen eine Summe nach eigenem Ermessen.

https://www.institut-metis.eu

About:
FH Professor Dr. Dr. Sebastian Eschenbach ist Managementspezialist und Leiter Department Wirtschaft der FH Burgenland. Er hat an der Wirtschaftsuniversität Wien, Universität Harvard und Universität Klagenfurt Betriebswirtschaft und Wirtschaftspsychologie studiert, war in Industrie und Unternehmensberatung tätig. Seit 2000 arbeitet er an der FH Burgenland. Dort entwickelte er eine Reihe von Studiengängen und Forschungsprojekten.
Er ist einer der Mitinitiatoren des Europa-Instituts für Erfahrung & Management METIS.
Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind: Strategisches Management, Innovation durch Erfahrung und neue Formen der Aus- und Weiterbildung.
Kontakt: sebastian.eschenbach@fh-burgenland.at

FH Professorin Dr. Regina Rowland ist Spezialistin für Innovation, unterrichtet und forscht an der FH Burgenland. Sie berät Organisationen und unterrichtet an Universitäten in Europa, in Südamerika und den Vereinigten Staaten. Sie promovierte am California Institute of Integral Studies und schloss ein weiteres Studium an der Grenoble Ecole de Management in Management, Technologie und Innovation ab. Zusätzlich absolvierte sie mehrere akademische Lehrgänge zu den Themen Nachhaltigkeitsentwicklung in Unternehmen, Biomimicry, Interkulturelle Kommunikation und Neurolinguistische Programmierung.
Zu ihren Kompetenzfeldern zählen Design und Innovationsprozesse, Unternehmensführung und Veränderung sowie systemische Nachhaltigkeit.
Ihre Arbeitsweise und Ergebnisse: www.reginarowland.com